An weiblich, Ü50

Vor drei Monaten bin ich Mama geworden. Was für ein Geschenk!

Seither bin ich mit den ungebetenen Ratschlägen folgender Bevölkerungsgruppe konfrontiert: Weiblich, über 50;

Heute wieder: Mein Baby hat im Kinderwagen geweint. Alle Versuche, es zu beruhigen, sind gescheitert: singen, Schnuller geben, mal rausnehmen, einfach weitergehen, ruhig reden,… Weil dies schon öfter vorkam habe ich immer eine Babytrage dabei. Ich sage also zu meinem Baby „Magst du nicht mehr, darfst du in die Trage“ und fahre noch ein Stück mit dem schreienden Baby um mir an dem heißen Sommertrag ein schattiges Pätzchen zu suchen, wo ich mein unglückliches Baby vom Kinderwagen erlösen möchte.

Da passiert es: Eine offensichtlich nicht mehr ganz junge Dame, mit weißem Bob in pinkem Dirndl, fährt mit ihrem Fahrrad an mir vorbei und ruft mir unfreundlich etwas zu. Perplex bleibe ich stehen und schreie ihr nach: „Wie bitte?“

Die Dame motzt über die Schulter: „Recht hat er, raus will er“

Aha. Na, hätte ich doch schon viel früher eine völlig Fremde gefragt, die uns gar nicht kennt!

Ich habe der Dame zu verstehen gegeben dass ich Ihren Rat nicht brauche, darauf bin ich sehr stolz.

Und frage mich trotzdem: Warum bekomme ich in letzter Zeit andauernd ungefragt Ratschläge von älteren oder sehr alten Frauen?

Hier ein kleiner Auszug:

Von verschiedenen Leuten habe ich Tipps zur Ernährung des Kindes bekommen: Ich soll Tee aus der Flasche geben, wird das Kind wohl satt nur mit stillen, ich soll künstliche Babynahrung geben, ich soll jetzt endlich mit fester Nahrung anfangen, ich soll nicht stillen;

Mein Kind mag den Kinderwagen nicht, weil ich es verwöhnt habe, hat mir eine Dame bei der Bushaltestelle erklärt.

Ich sollte auf jeden Fall einen Kaiserschnitt machen lassen, erfuhr ich von einer Bekannten.

Eine Passantin lobte mich, weil ich bei einem Spaziergang meinem Baby vorgesungen habe. Alle anderen Mütten würden beim spazieren Gehen telefonieren, hat sie gesagt.

Jenseits der Menopause, mit abgeschlossenem Kinderwunsch und der fehlenden Möglichkeit selbst nochmal Fehler in der Rolle der Mutter zu machen, neigen Frauen wohl dazu ihre weitaus jüngeren Mitbürgerinnen mit Argusaugen zu beobachten und zu beurteilen. Und mit dem Urteil wird nicht hinterm Berg gehalten. Ich kenne dieses Verhalten bereits  aus meinem Arbeitsumfeld, ich arbeite ja mit Kindern, dachte jedoch, es sei persönlichkeitsabhängig.

Langsam glaube ich, dass das so ein Oma-Ding ist.

Liebe Mitbürgerin, über 50, selbst Mutter, jenseits der Menopause. Wenn ich Ratschläge von dir brauche, frage ich. Wenn ich nicht frage, brauch ich keinen Rat. Ich suche mir selbst aus, wen ich fragen will und manchmal frage ich auch ein Buch.

 

 

 

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