Brief an meine Lehrerin

 

Liebe Johanna!

Heute gab es einen Moment, da habe ich mich selbst für meine Arbeit als Pädagogin gelobt. Ich hatte das Gefühl, dass es mir immer besser gelingt jedes Kind wertschätzend und aufmerksam wahrzunehmen. Ich versuche ganz bewusst als verlässliche Bezugsperson voll und ganz für jedes, wirklich jedes Kind da zu sein. Dies ist mir ein großes Anliegen.

Ich glaube, dass dir das mit mir richtig gut gelungen ist. Ich habe mich als Kind von dir wahrgenommen und „gesehen“ gefühlt. Und vor allem: Als jene VICI die ich wirklich bin und sein möchte! Ich habe, rückblickend betrachtet, wirklich tolle Erinnerungen an meine Zeit mit dir.

Als ich in die erste Klasse kam, konnte ich schon lesen. Ich weiß noch, als du mich gefragt hast, ob mir deswegen im Unterricht langweilig ist. Danke, dass du meinen Bedürfnissen Raum gegeben hast!

Einmal habe ich dir erzählt, dass meine Mama gesagt hat, dass ich eine sehr unleserliche Schrift habe. Du hast gemeint, es sei völlig in Ordnung wie ich schreibe. Daraufhin habe ich meiner Mama (etwas trotzig) erklärt, dass meine Lehrerin meine Schrift schon gut lesen kann und meiner Sauklaue von da an freie Hand gelassen. Nach einer Weile hast du mir dann ganz vorsichtig empfohlen vielleicht doch ein bisschen ordentlicher zu schreiben. Ich finde das im Nachhinein so zuckersüß! Du wolltest mir die Freude am Schreiben auf keinen Fall verderben. Du hast dich bemüht mir das Gefühl zu geben dass das, was ich da abliefere genau richtig ist.

Warum ich heute eigentlich an dich gedacht habe war, als ich mit den Kindergartenkindern aus unserem Liederbuch gesungen habe. Ich habe den Kindern erzählt, dass wir das gleiche, bestimmte Liederbuch bereits damals, in meiner eigenen Schulzeit – also mit dir- benutzt haben. Dass ich dieses Liederbuch schon damals geliebt habe! Kannst du dich an die Liederkasette erinnern, die du nur für mich gemacht hast, mit meinen Lieblingsliedern? Die dazugehörige Mappe mit den Texten war für mich lange Zeit sehr wertvoll und ich habe sie wie einen Schatz gehütet. War ich, deine damalige Schülerin, dir wichtig genug dass dir die Idee für dieses individuelle Geschenk gekommen ist?

Heute weiß ich, wie viel Liebe man als Pädagogin in seine Arbeit legen muss um Kindern ehrliche und echte Beziehungen anbieten zu können. Du hast mich gesehen wie ich war, als Kind, mit all meinen Stärken und Schwächen, vor allem aber mit meinen Stärken. Ich hatte bei dir das Gefühl, ICH sein zu dürfen.

Danke für deine Liebe!

Deine ehemalige Schülerin, Victoria

 

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