Gänsehaut

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Ich höre sehr selten Radio und wenn, dann im Auto.

Vor einigen Wochen war ich also mit dem Auto auf dem Weg nach Irgendwohin.

Ich erlebte, Radio hörend, einen wahren Gänsehautmoment. Von diesem möchte ich dir nun erzählen:

Ich hörte die Stimme einer Frau. Sie erzählte eindringlich von schlimmen Dingen, die sie auf hoher See erlebt hatte. Sie hatte Menschen gesehen, die hilflos ertrinken mussten. Leichen, die sich sterbend in den Armen hielten und „untrennbar miteinander verbunden“ waren. Kinder, die ein totes Baby in ihren Armen wogen und für es sangen, als ob es noch am Leben wäre.

Ich hörte die Stimme der Frau und dachte, dass sie diese Erlebnisse zutiefst verstört und für immer gezeichnet haben müssten. Mir lief die Gänsehaut über Arme, Beine und Rücken.

Doch die Frau sprach weiter. Nichts von all diesen Erlebnissen sei so schlimm gewesen, wie jener, dass sie auch viele Menschen aus dem Meer retten, aber keinen Ort finden konnte, an dem sie an Land gehen durfte.

Die Frau die ich sprechen hörte heißt Carola Rackete. Sie ist Schiffskapitänin und wurde diesen Sommer verhaftet. Warum? Weil sie mit einem Schiff voller geretteter Flüchtlinge unerlaubt in den Hafen in Lampedusa, Italien einfuhr. Sie hatte 70 Tage lang auf eine Landeerlaubnis gewartetet. Vergeblich.

Wer ihre Geschichte nicht kennt, hier gibt es einen Artikel zum Nachlesen.

Carola sagte: „Ich habe mich geschämt EU-Bürgerin zu sein.“

Wie muss es sein, ertrinkenden Menschen in die Augen zu schauen? Wie muss es sein, jemandem aus dem Wasser zu helfen, der eine weite Reise hinter sich hat? Der alles hinter sich ließ und alles riskierte, um einen Neubeginn zu wagen? Wie muss es sein, so große Not zu haben dass man in ein altes Boot steigt um das Mittelmeer zu überqueren, nicht wissend ob tot oder lebendig?

Wie muss es sein, jemandem, der alles riskiert hat erklären zu müssen, dass es vielleicht umsonst war? Dass der Ort, an dem alles besser werden soll, einen nicht will?

All das weiß ich nicht. Ich weiß nur, wie es ist, in einem wirklich schönen, reichen Land zu leben. Und dass ich als EU-Bürgerin mitverantwortlich dafür bin, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Weil es einfacher ist, dass diese Menschen sterben als dass wir uns Lösungen überlegen wie wir mit diesen Menschen umgehen wenn sie letztendlich lebendig hier ankommen.

Hätte ich eine Insel, eine wirklich schöne Insel. Und ich hätte es dort sehr bequem und aufgeräumt. Und würde ich in der Ferne ein Boot voller schmutziger, verzweifelter, hungriger Menschen sichten. Menschen, die ertrinken würden, wenn ich ihnen nicht zu Hilfe eile. Würde ich sie aufnehmen?

Die richtige Antwort lautet doch: „JA!“

Oder?

Der Verlag Tyrolia hat ein wunderbares Buch zu diesem Thema im Sortiment- ein Bilderbuch für Kinder und Erwachsene: „Flucht“ von Nikki Glattauer

Ich wünsche dir Nächstenliebe. Deine Vici

 

Am 3.10.2019 um etwa 20:15 Uhr übertrug der Radiosender fm4 Teile der Rede von Frau Carola Rackete vorm EU-Parlament.

 

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